Eine hohe Absprungrate wirkt im Bericht wie ein Alarmsignal, entscheidet aber für sich genommen nichts. In Google Analytics 4 bezeichnet sie den Anteil der Sitzungen, die die Kriterien für Interaktionen nicht erfüllt haben. Dahinter kann jemand stecken, der nach zwei Sekunden gegangen ist, oder jemand, der deine Telefonnummer gefunden und sofort angerufen hat. Bevor du die Überschrift neu schreibst oder die Seite umbaust, kläre, welche dieser Situationen vorliegt.

Dieser Leitfaden nennt keinen „guten“ Grenzwert, denn den gibt es nicht: Das Ergebnis hängt vom Seitentyp, der Traffic-Quelle und der Definition im Tool ab. Statt einer Tippliste bekommst du eine Reihenfolge für die Diagnose. Zuerst klärst du, was genau gezählt wurde, dann zerlegst du die Zahl in kleinere Gruppen, siehst dir echte Besuche an und formulierst eine Hypothese für eine konkrete Seite.

Was GA4 als Absprung zählt

Eine Sitzung mit Interaktionen dauert in GA4 länger als 10 Sekunden, enthält ein Schlüsselereignis oder mindestens zwei Seiten- oder Bildschirmaufrufe. Die Absprungrate ist das Gegenstück zur Interaktionsrate, also der Anteil der Sitzungen, die keine dieser Bedingungen erfüllt haben. Ein Absprung bedeutet daher nicht „ohne Klick gegangen“. Er bedeutet: „Die Webanalyse hat in dieser Sitzung keines der drei Signale erfasst.“

Die Google Analytics-Hilfe beschreibt eine Sitzung mit Interaktionen über drei Bedingungen, nämlich mehr als 10 Sekunden, ein Schlüsselereignis oder zwei Aufrufe, und die Absprungrate als Anteil der Sitzungen ohne Interaktionen. Welcher Wert für deine Branche gut ist, sagt sie nicht. Google Analytics-Hilfe.

Die Zeitschwelle lässt sich in den Tag-Einstellungen des Datenstreams ändern, und auch die Wahl deiner Schlüsselereignisse verschiebt das Ergebnis. Zwei Websites mit demselben Diagramm messen also womöglich Verschiedenes. Andere Analysetools definieren den Absprung auf ihre eigene Weise, deshalb vergleichst du eine Seite am besten mit sich selbst über die Zeit und nicht mit einer Zahl aus einem fremden Bericht. Solche Lücken beschreiben wir im Artikel darüber, was Google Analytics nicht zeigt.

Seiten, auf denen ein Absprung ein Erfolg sein kann

Soll eine Seite eine einzelne Information liefern, kann ein kurzer Besuch bedeuten, dass sie funktioniert hat. Jemand prüft die Öffnungszeiten, kopiert die Adresse, wählt die Nummer oder liest die Antwort auf eine Suchanfrage und schließt den Tab. Dieselbe Doppeldeutigkeit betrifft die Verweildauer auf einer Seite. Die folgende Tabelle hilft dir, einen Absprung mit Antwort von einem Absprung aus Frust zu unterscheiden.

Scrolle die Tabelle seitlich, um alle Spalten zu sehen.

SeitentypAbsprung mit AntwortAnzeichen von Frust
KontaktKlick auf Telefonnummer oder E-Mail-AdresseSchnelles Scrollen ohne einen einzigen Klick
Beitrag mit AntwortScrollen bis zum Absatz mit der LösungVerlassen nach dem ersten Bildschirm
AngebotsseiteSelten; hier zählt der nächste SchrittKlicks auf Elemente, die keine Links sind
FormularEin als Schlüsselereignis markiertes Absenden ist kein AbsprungBegonnene Felder und Abbruch

Klicks auf eine Telefonnummer werden oft gar nicht gemessen, sodass ein Anruf im Bericht wie ein Abgang aussieht. Wie du das behebst, zeigt unser Leitfaden zu Klicks auf die Telefonnummer. Richtest du diesen Klick für die Kontaktseite als Schlüsselereignis ein, verschwindet ein Teil der „Absprünge“, weil GA4 diese Sitzungen dann als Sitzungen mit Interaktionen zählt.

Teile die Zahl nach Einstiegsseite, Quelle und Gerät auf

Ein Durchschnitt über die ganze Website vermischt Kontaktseiten, Blogbeiträge und Angebote, deshalb lässt sich nichts daraus ablesen. Beginne mit der Einstiegsseite: Ein Absprung gehört zur ersten Seite der Sitzung, nicht zu jedem Seitenaufruf. Vergleiche dann innerhalb einer Seite die Traffic-Quellen und Geräte. Oft zeigt sich, dass eine einzige Kombination das Problem verursacht, während der Rest unauffällig ist.

  1. Wähle eine Einstiegsseite.Nimm eine Seite mit viel Traffic, deren Aufgabe ein nächster Schritt ist und keine schnelle Information.
  2. Teile nach Quelle auf.Vergleiche Suche, Kampagnen, Verweise und direkte Zugriffe auf derselben Seite.
  3. Teile nach Gerät auf.Prüfe Smartphone und Desktop getrennt; dasselbe Layout funktioniert vielleicht nur auf einem davon.
  4. Notiere die schlechteste Kombination.Zum Beispiel: Leistungsseite, bezahlte Kampagne, Smartphone. Diese Gruppe untersuchst du weiter.

Achte auf kleine Stichproben: Ein paar Dutzend Sitzungen aus einer Kampagne liefern leicht zufällig ein extremes Ergebnis. Quellen kannst du nur zuverlässig vergleichen, wenn deine Kampagnen einheitlich mit UTM-Parametern markiert sind. Tritt der hohe Anteil nur bei bezahltem Traffic auf, liegt das Problem womöglich im Versprechen der Anzeige, wie wir im Artikel darüber beschreiben, warum Anzeigen-Traffic nicht konvertiert.

Sieh dir eine Stichprobe von Besuchen mit nur einer Seite an

Die Zahl zeigt auf einen Ort, nicht auf einen Grund. Sieh dir für die gewählte Kombination ein gutes Dutzend Aufzeichnungen von Besuchen an, die auf einer einzigen Seite endeten. Du suchst keinen dramatischen Einzelfall, sondern ein Verhalten, das sich wiederholt. Wie du Aufzeichnungen auswählst und markierst, beschreiben wir im Leitfaden, wie du Sitzungsaufzeichnungen analysierst.

In der Meetlead Analytics filterst du Aufzeichnungen nach besuchter Seite, Anzahl der Seiten im Besuch, Gerät und Traffic-Quelle, sodass die Auswahl „eine Seite, Smartphone, Kampagne“ nur einen Moment dauert. Die Customer Journey zeigt für jeden Besuch Einstiegs- und Ausstiegsseite, Quelle, aktive Zeit und Ereignisse. Aufzeichnungen gibt es in Tarifen, die sie enthalten, und ob ein Besuch aufgezeichnet wird, hängt von den Datenschutzeinstellungen deiner Website ab, etwa einem Aufzeichnungsstart erst nach Einwilligung.

  • Hat die Person den Inhalt überhaupt gesehen oder ist sie gegangen, bevor die Seite fertig aufgebaut war?
  • Hat sie bis zur Antwort oder zur Schaltfläche gescrollt?
  • Hat sie auf etwas geklickt, das nicht reagiert hat?
  • Ist sie nach oben zurückgescrollt und hat gesucht, als fehle ihr etwas?
  • Kam der Abgang direkt nach einem Klick auf Nummer oder Adresse?

Prüfe den ersten Bildschirm und die Scrolltiefe

Viele frustrierte Absprünge entscheiden sich auf dem ersten Bildschirm: Die Besucher sehen nicht, was sie gesucht haben, oder erkennen nicht, ob sie richtig sind. Prüfe, was deine gewählte Gruppe auf dem Smartphone vor dem ersten Scrollen sieht. Die Kriterien dafür beschreiben wir im Leitfaden zum ersten sichtbaren Bereich deiner Website.

Die zweite Messgröße ist die Scrolltiefe. Meetlead erfasst Scrollereignisse bei 25, 50, 75 und 100 Prozent der Seite, und die Heatmap zeigt Klicks sowie Bereiche, die Nutzer nicht erreichen. Steht die Antwort in der zweiten Hälfte der Seite und enden die meisten Besuche davor, hast du eine konkrete Hypothese. Wie du diese Daten liest, erklären wir im Leitfaden zur Scrolltiefe einer Seite.

Halte eine Hypothese für eine Seite fest

Eine Diagnose endet mit einem Satz für eine Seite, nicht mit einer Liste von zehn Korrekturen. Eine fiktive Sprachschule sah eine hohe Absprungrate auf der Seite ihres Firmenkurses. Nach der Aufteilung zeigte sich, dass vor allem Kampagnenbesuche auf Smartphones betroffen waren. Die Aufzeichnungen machten deutlich, dass die Preisliste erst unter einer langen Beschreibung der Lehrmethode stand und viele Besuche davor endeten.

Vorlage für die Hypothese

„Auf [Seite] enden Besuche aus [Quelle] auf [Gerät] vor [Element], weil [Beobachtung aus den Aufzeichnungen]. Wenn wir [Element] nach oben verschieben, sinkt der Anteil der Sitzungen ohne Interaktionen in dieser Gruppe in einem vergleichbaren Zeitraum.“ Ergänze Datum, Verfasser und was du als Gegenbeleg gelten lässt.

Vergleiche nach der Änderung dieselbe Gruppe in einem ähnlichen Zeitraum, nicht die ganze Website. Hat sich der Anteil nicht bewegt, war die Hypothese falsch, und du gehst zurück zu den Aufzeichnungen. Eine niedrigere Absprungrate ist auch kein Ziel an sich: Prüfe, ob Anfragen, Kontaktklicks oder eine andere für dich wichtige Handlung zugenommen haben.

Fragen zur Absprungrate

Welche Absprungrate ist gut? Es gibt keinen einzelnen Wert, der zu jeder Seite passt. Eine Kontaktseite mit hohem Anteil kann bestens funktionieren, eine Angebotsseite mit niedrigem Anteil verkauft womöglich trotzdem nicht. Vergleiche dieselbe Seite über die Zeit und mit derselben Traffic-Quelle, und bewerte das Ergebnis zusammen mit der Handlung, die die Seite auslösen soll.

Senkt ein längerer Text die Absprungrate? Er kann Sitzungen über die 10-Sekunden-Schwelle schieben und die Zahl verbessern, ohne die Seite zu verbessern. Prüfe deshalb in den Aufzeichnungen, ob Menschen die Antwort finden, bevor du etwas ergänzt. Finden sie sie und gehen dann, gibt es vielleicht schlicht kein Problem.